Herdenschutz


Warum ist Herdenschutz überhaupt notwendig?

Wolf, Bär und Luchs genießen einen umfassenden rechtlichen Schutz. In der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) der Europäischen Union sind sie als streng zu schützende Arten aufgeführt und dürfen nicht bejagt werden. Wölfe und Bären sind normalerweise scheu und meiden den Menschen. Ungeschützte Nutztierherden sind allerdings eine leichte Beute, die sie mit vergleichsweise geringem Risiko angreifen können. Wenn sich eine günstige Gelegenheit ergibt, wird diese genutzt.  


Wie viele Übergriffe auf Nutztiere durch große Beutegreifer wie Bären und Wölfe gib es in Österreich?


Leider gibt es keine offizielle Statistik, in der alle Schadensfälle gesammelt werden. Doch laut Auskunft der österreichischen Wolf- und Bärenbeauftragten und der Kärntner Jägerschaft gab es im Jahr 2013 insgesamt 40 gemeldete Schadensfälle. Dabei fielen 17 Schafe, 4 Lämmer, 3 Kälber, 1 Fohlen und 47 Bienenstöcke Bären und Wölfen zum Opfer. Zusätzlich wurden 114 weitere Nutztiere über den sogenannten „Kulanztopf“ der Kärntner Landesregierung, Uabt. Naturschutz entschädigt. Insgesamt waren das Schadensersatzzahlungen in der Höhe von rund 60.000 €.


In allen Nachbarländern Österreichs gibt es mittlerweile wieder Wölfe. Erste Tiere werden seit einiger Zeit auch in Österreich immer wieder gesichtet. Wann ist denn damit zu rechnen, dass es das erste heimische Wolfsrudel gibt?


Das ist nicht eindeutig vorhersagbar, da die ökologische Dynamik der Wolfsausbreitung von vielen äußeren Einflussfaktoren abhängt. Einzelne Wölfe konnten bisher in den Bundesländern Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg und Niederösterreich eindeutig nachgewiesen werden.


Schutzmaßnahmen


Welche Herdenschutzmaßnahmen gibt es?


Die drei wichtigsten Möglichkeiten, wie Nutztiere vor großen Beutegreifern geschützt werden können, sind:

  1. Einzäunung der Tiere mit Herdenschutzzäunen (Aufrüstung oder Neugestaltung)
  2. Ständige Behirtung und Herdenführung mit Nachtpferchen
  3. Einsatz von Herdenschutzhunden

Welche Herdenschutzmaßnahmen werden in Österreich eingesetzt?

In Österreich hat keine der Herdenschutzmaßnahmen eine bis heute überlieferte Tradition. Das dazugehörige Wissen muss erst wieder gewonnen und an die Landwirte weitergeben werden. Diese Methoden werden in den Nachbarländern im alpinen Raum eingesetzt, doch die Anwendbarkeit auf österreichischen Almen ist nicht erprobt. Die Nationale Beratungsstelle Herdenschutz hat daher zwei Modellregionen eingerichtet, in denen die verschiedenen Herdenschutzmaßnahmen in der Praxis getestet und angepasst werden können.

Was sich gut bewährt hat, ist eine elektrische Einzäunung der Weide. Allerdings wird das in anderen Ländern meist auf kleineren Flächen in Hofnähe oder auf Weiden im Tal durchgeführt. Wir leiten daher eine zweite Modellregion in Salzburg, wo wir diese Methode auch auf einer Alm im alpinen Gelände testen. Wir vergleichen verschiedene Zaunsysteme und untersuchen die Machbarkeit und den Aufwand für die landwirtschaftliche Praxis. Die Ergebnisse der Modellregion sind durchaus positiv. Mit einer ausreichenden öffentlichen Finanzierung solcher Elektrozaunsysteme, können sie auch bei uns im Alpenraum eine Alternative sein.


Welchen anderen Herdenschutzmaßnahmen gibt es noch?

In der Schweiz gibt es Versuche mit anderen Herdenschutztieren wie Schutzlamas. Lamas sind sehr wehrhaft und haben sich in den USA bereits gegen kleinere Beutegreifer wie Kojoten bewährt. Außerdem können Eseln eingesetzt werden, doch sie haben eher eine alarmierende als abwehrende Funktion.



Herdenschutzhunde



Welche Hunde ist als Herdenschutzhunde geeignet?

Spezielle Herdenschutzhunderassen sind von ihrer Veranlagung und Züchtung her genau für diese Aufgabe vorgesehen. Herdenschutzhunde arbeiten selbstständig und aus ihrem natürlichen Schutzinstinkt heraus, sind somit nicht mit anderen Hunderassen vergleichbar. 

Wir arbeiten in der Modellregion Osttirol mit der italienischen Rasse der Maremmano Abruzzese, ein mittelgroßer kräftiger Hund mit rund 65 cm Widerristhöhe und dichtem weißen Fell. Diese italienischen Herdenschutzhunde wurden seit Jahrhunderten in Arbeitslinien von Wanderschäfern und den dort ansässigen Landwirten gezüchtet und auch als Hofhunde eingesetzt. 


Für den Alpenraum typische Rassen sind neben dem italienischen Maremmano Abruzzese auch der französische Pyrenäenberghund. Beide Rassen werden auch in der Schweiz für den Herdenschutz eingesetzt. Weltweit gibt es über 50 verschiedene Herdenschutzhunderassen, zum Beispiel die osteuropäischen Rassen wie Kuvasz und Komondor oder die aus Anatolien stammenden Rassen wie Akbas und Kangal. 


 

Was kann ein Herdenschutzhund gegen ein Wolfsrudel, einen Luchs oder einen Bären ausrichten?

In den meisten Fällen reicht bereits die Anwesenheit eines Herdenschutzhundes oder eines Hirten, um Wildtiere abzuschrecken. Herdenschutzhunde bringen durch lautes Bellen und ihre imposante Erscheinung einen Beutegreifer dazu, einen Angriff erst gar nicht zu wagen. Außerdem arbeiten Herdenschutzhunde in der Regel nicht allein und können daher auch bei einem Wolfsrudel eine ernstzunehmende Gegenwehr leisten. 


Werden die Herdenschutzhunde abgerichtet?

Nein, Herdenschutzhunde arbeiten selbstständig aus ihren natürlichen Instinkten heraus und können daher nicht zum „schützen“ erzogen werden. Natürlich besteht ein enger Kontakt zum Hirten und sie sind an Menschen gewöhnt. Doch sie arbeiten nicht auf Kommando wie beispielweise Hirtenhunde, die die Herde gezielt nach den Wünschen des Hirten zu ihm treiben. 


Könnten Herdenschutzhunde auch Wanderer als Bedrohung ihrer Herde wahrnehmen? 

Normalerweise sind Herdenschutzhunde an die Begegnung mit Menschen gewöhnt, doch trotzdem sollten Sie als Wanderer Abstand zu ihnen halten. Für die Herdenschutzhunde sind Sie ein Fremder und damit ein potentieller Eindringling. Herdenschutzhunde verteidigen das Territorium um ihre Herde und wenn sie überrascht werden oder jemand versucht, durch die Herde hindurchzugehen, werden sie aktiv. Bleiben Sie ruhig und gehen Sie langsam an der Herde vorbei. Vermeiden Sie rasche Bewegungen und Provokationen mit Stöcken. Halten Sie möglichst großen Abstand zu der Herde und versuchen Sie nicht, die Hunde zu streicheln. Sobald Sie sich genügend weit von der Herde entfernt haben, werden die Hunde zur Herde zurückkehren. 



Was gilt es zu beachten, wenn ich beim Wandern selbst mit einem Hund unterwegs bin und auf eine Herde mit Schutzhund treffe?

Am wichtigsten ist es, den eigenen Hund an die Leine zu nehmen und nicht zu versuchen, durch die Schafherde hindurch zu gehen. Ein fremder Hund darf auf keinen Fall zur oder gar in die Herde rennen und diese stören. Halten Sie möglichst großen Abstand und gehen Sie ruhig daran vorbei. Sollte es trotzdem zu einem näheren Kontakt zwischen ihrem Hund und einem Herdenschutzhund kommen, leinen Sie den Hund ab, damit die Hunde ihre Beziehung selbst regeln können. Infos zum richtigen Verhalten bei der Begegnung mit Herdenschutzhunden finden Sie hier:

Video richtiges Verhalten bei der Begegnung mit Herdenschutzhunden